Gestern habe ich versucht, einen Artikel zu schreiben, in dem ich wenigstens ansatzweise versuchen wollte an selbst erlebten Beispielen zu zeigen, wie weit „unser” Verständnis und „ihr” Verständnis vom Internet, von Kommunikation und vom Umgang mit Wissen auseinander gehen. Ich hab mich dann dummerweise total in Rage geschrieben und dabei völlig den Faden verloren.
Praktischerweise hat Jörg Tauss heute seinen Insiderblick und Erfahrungen aus der SPD bei abgeordnetenwatch.de beschrieben und eigentlich steht da schon jede Menge drin – deswegen zitiere ich jetzt hier ein paar Stellen und verweise dann auf seine komplette Antwort:
Ein grosser Teil der Parlamentarier ist mit dem Internet nicht aufgewachsen. Sie empfinden es daher moeglicherweise sogar als Bedrohung. Sie nehmen es nicht als technisches Netz oder als Kommunikationsinfrastruktur wahr, verstehen nichts von Netzneutralitaet, sondern als etwas, wo man eben Boeses bekommen kann und wo vermeintlich das Boese auch herkommt und die Gesellschaft durchdringt. Das Netz spiegelt nicht Probleme wider, sondern verursacht sie in deren Augen
[…]
Ein weiterer Teil […] hat wirklich und ernsthaft die Auffassung, mit dem Gesetz tatsaechlich etwas gegen Pornographie mit Kindern zu tun und fuer missbrauchte Kinder Positives zu bewirken.
[…]
Dieser Teil der Partei […] nimmt die „digitale” Welt noch allenfalls als eine wahr, in die man preiswert und ohne Portokosten „etwas hinschicken” kann. Bevorzugt nette Worte ueber sich selbst oder die Partei. Und Obama hat es ja schliesslich auch irgendwie und ganz schick gemacht, auch wenn man gar nicht weiss oder wissen will, was der eigentlich gemacht hat.
[…]
Ein Kollege hat mir jetzt tatsaechlich geschrieben, er verstehe mich ueberhaupt nicht, wegen „dem bisschen Freiheit” im Internet die SPD verlassen zu koennen.
jawl ist das private Weblog von Christian Fischer - und Du hast oben gerade den aktuellsten Artikel gelesen.
In dieses Weblog schreibe ich seit 2001 einfach alles rein, was mir gerade in den Sinn kommt. Ohne Rezepte, ohne Konzept - mehr dazu steht hier. Ich bin Webdesigner und lebe am Rand des Ruhrgebietes - mehr zu mir hier. Und manchmal finden sich hier Dinge, die etwas herausstechen:
Politisches
Unter www.arsch-hoch.org blogge ich zu den Themen Datenschutz, Online - Durchsuchung & Verfassungs - Schutz und sammele aktuelle Artikel – das ist der letzte Link:
»Text der Petition: Wir fordern, daß der Deutsche Bundestag die Änderung des Telemediengesetzes nach dem Gesetzentwurf des Bundeskabinetts vom 22.4.09 ablehnt.«
Erzähltes
In so einem Blog sammelt sich ja eine Menge Kleinscheiß. Aber hin und wieder findest Du auch im jawl Geschichten, die mehr sind als das tägliche Blog-Allerlei. Das sind ein paar davon:
Im allgemeinen Wut- und Enttäuschungsgetwitter gestern abend stieß ich irgendwann zwischendurch auf einen Satz von Alvar Freude:
Ein guter, ein wichtiger Satz. Kein leichter Satz.
Natürlich bin ich enttäuscht, entsetzt und wütend.
Wütend über die Dummheit, mit der unsere Politiker gestern Abend meiner Meinung nach unser Grundgesetz gebrochen haben und das Ende der Gewaltenteilung und den Beginn einer nicht einmal von der staatlichen Judikation kontrollierten Zensur ausgerufen haben.
Ich bin enttäuscht über das Desinteresse meiner Mitmenschen – mal wahllos herausgepickt zum Beispiel das Desinteresse der 150 Menschen, die ich angeschrieben habe – und von denen exakt einer reagierte. Enttäuscht auch von der NGO, mit der ich sprach, und die aus Überlastung keine eigene Meinung entwickeln konnte.
Entsetzt über das Desinteresse der meisten Medien die zumeist nicht verstanden haben, worum es geht oder blind Pressemeldungen verteilt und billige Stimmungsmache brav weiterverteilt haben.
Entsetzt über die Entscheidung, die dort gestern Abend von einem Teil unserer Regierung getroffen wurde.
Aber: So geht Demokratie. Demokratie beugt sich der Mehrheit.
Schwer wird das dann, wenn man selbst so voller Herzblut dabei ist. Wenn man selber doch wirklich weiß, dass der andere Blödsinn redet. Oder nur aus Wahlkalkül augenscheinlich stimmenbringende Polemiken unters Volk wirft.
Aber wenn wir es – so schwer es gerade ist – schaffen, einen Schritt zurück zu gehen und nicht allen, die dort gestern Abend zugestimmt haben pure Boshaftigkeit unterstellen, dann geht es „denen” genau wie uns. Sie fanden sich in einer Diskussion wieder auf die sie (genau wie „wir”) nur den eigenen Blick hatten und in der „die anderen” (also „wir”) mit Polemiken vom Untergang des Abendlandes um sich warfen.
Warum die Befürworter und Gegner von Internetsperren aneinander vorbeireden
A: “Das Internet ist schlimm! KiPo, Raubmordkopien, Hasspredigten, Bombenbauanleitungen!â€
B: “Einzelfälle! Und man kann und es wird ja dagegen vorgegangen!â€
B: “Da gibt es Missbrauch der Polizeibefugnisse!â€
A: “Einzelfälle! Und man kann und es wird ja dagegen vorgegangen!â€
So ist es. Jeder hat nur seinen Blick. Die, die (im Moment noch?) in der Mehrheit sind haben ihren.
Auch das ist Demokratie. Und die schätze ich sehr. Auch wenn es – wie heute – nicht leicht ist.
Also – was tun? Weitermachen. Meinungen lassen sich ändern. Verständnis muss wachsen.
Also: Weitermachen. Wir haben Mittel, die vermutlich geschätzten 95% der deutschen Politiker völig unbekannt sind. Wir fühlen uns nach 15 Minuten Tageschau nicht ausreichend infomiert. Wir haben angefangen zu reagieren, bevor Frau Merkel ihre SMS auch nur versendet hat. Wir wissen Abstimmungsergebnisse vor der Presse und können uns schneller und umfassender informieren als je vorher jemand auf diesem Planeten.
Nutzen wir es. Die Diskussion um Zensur im Internet ist nicht vorbei. Die hat gerade erst angefangen.